Ben Hadamovsky
Mit allen Wassern gewaschen

20.01.2019

Ich bin gerade für zwei Tage auf der Bootsmesse in Düsseldorf. Dort halte ich zwei Kurzvorträge über das Segeln mit Familie. Thema: Wie waren unsere Erfahrungen auf der Weltumseglung? Aber bitte in 15 Minuten. Länger geht dort kein Vortrag.

Mhhh. Fällt mir nicht leicht, mich auf so wenig Zeit zu beschränken. Und so bin ich nicht wirklich überrascht, als der Moderator mit Blick auf die Uhr unser gerade in Gang kommendes Gespräch abbricht. Schließlich sollen die Menschen auf einer Messe nur kurz angeregt werden. Themen vertiefen ist nicht vorgesehen.

Und was gibt es sonst so zu sehen?

Das teuerste Boot kostet 6 Millionen und hat 120 Quadratmeter Wohnfläche.

Am anderen Ende der Skala des Wahnsinns findet sich mit der Fa. https://green-boats.de/ ein unternehmen aus Bremen, die statt den üblichen Materialien aus Kunstharz, Glasfaser und Karbon, Boote aus Hanf, Kork und einem Harz,welches zu 60% aus Leinöl besteht, entwickelt hat. Diese Bauweise besteht zu 80% aus nachwachsenden Rohstoffen und ist zu 100% recycelbar. Kostet aber auch zur Zeit noch 30% mehr als die nicht ökologische Variante. Klar, denn da ist ja die Entsorgung noch nicht eingepreist. Also werden weiter fröhlich nicht recycelbare Sondermüll-Schönheiten am laufenden Band produziert. Zur großen Freude kommender Generationen.

Was ich nicht verstehe: Bis auf Hallberg Rassy und Sirius baut niemand mehr eine Scheuerleiste an sein Schiff. Da gebe ich eine halbe Million für meine Traumyacht aus, und beim ersten Anlegemanöver zerkratze ich mir die glänzende Bordwand an einem alten Pfahl. Warum stört das niemanden?

Interessant auch, dass sich offensichtlich niemand ernstlich für die Unterwasserschiffe interessiert. Lange Schlangen bilden sich vor den Messeständen, um einen Blick in das Innenleben der Schiffe zu werfen. Was unter Wasser ist, scheint egal zu sein. So schlängele ich mich einsam zwischen den sich verblüffend ähnelnden Kielformen und ausnahmslos frei stehenden Ruderblättern hindurch. Ob Bavaria, Dufour, Benneteau, Amel oder Hallberg Rassy, von Untern sehen sie alle gleich aus.

Ist das nun gut? Haben wirklich alle Werften die ultimative Zauberformel für das perfekte Unterwasserschiff für jede Anwendung gefunden? Oder ist das einfach eine blöde Mode, denn warum sollte eine Yacht, die für lange Ozeanreisen mit kleiner Crew konzipiert wurde, gebaut sein wie ein Regattaschiff? Da stimmt doch was nicht, oder?

Vielleicht zeigt sich hier aber nur die traurige Wahrheit, dass kaum jemand mehr lange Ozeanreisen macht und darum nahezu alle Yachten für kurze, schnelle Tagestörns konzipiert werden?

1 Kommentar

Hast Du etwas zu sagen?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Moin Ben!

Nun, ich denke, dass Du mit Deinem letzten Satz ziemlich richtig liegst. Sonderlich viel Erfahrung mit den verschiedenen Kielformen habe ich ja nun wirklich nicht, aber ich traue mir trotzdem zu, dazu kurz etwas zu sagen.

Ja, ich denke, dass viele „Standardkunden“ eben jene sind, welche Du in Deinem letzten Satz beschreibst. Mehr Besitz und Prestige als die tatsächliche Beschäftigung mit den See- Eigenschaften des eigenen „Untersatzes“. Muss man ja auch nicht, wenn man nur an Wochenenden oder mal ein, zwei Urlaubswochen auf der Ostsee etc. unterwegs ist.

Und das ein Langkieler viel weicher durch die See geht, dass erfahren eben auch nur die wenigsten, denn wer hat denn schon die Chance, einmal einen bei ruppiger See zu segeln?

Ich hatte das Glück, denn aufgewachsen an der Weser konnte ich in meiner Jugend in den 80ern mit einem Nachbarn auf seinem alten 10m- Langkieler in See gehen. (Danach aber leider nicht mehr, bin seit 23 Jahren in Stuttgart und habe erst letztes Jahr wieder zu Segeln begonnen.)

Die meisten kennen nur noch das, was die Hersteller heutzutage anbieten und dringen wohl nicht mehr tief genug in die Materie ein, um das zu Hinterfragen.
Und selbst wenn, woher soll man noch einen modernen Langkieler bekommen? Kennst Du Neubauten? Ich selbst nicht, wüsste da nur gebrauchte.

Das ist irgendwie wie mit der Automobilindustrie und der überaus unseligen SUV- Schwemme. Keiner braucht so ein Monster (am wenigsten die Welt!), doch der eine baut’s, der andere kauft’s, weil es nunmal Trend ist. Ohne den Sinn und Nutzen zu Hinterfragen.

Und ja, eine Scheuerleiste ist eine wirklich gute Sache und fehlt gerade mir (Wieder-) Anfänger doch manchmal sehr! 😇
Ich selbst hätte niemals das Geld für einen Neubau und muss deshalb auf Charter zurückgreifen und gerade dort wäre das eine tolle Sache.
Aber auch dort zählt der blendende Schein mehr als die Praktikabilität.

Und was ich mich persönlich bei all‘ den Wochenend- Yachten frage… Wer segelt denn noch, um wirklich „draußen“ zu sein? Um losgelöst und frei von allem nur zu sein, zwischen Himmel und Wasser zu schweben, aufzugehen?

Liebe Grüße,
Mike Zerbe