Ben Hadamovsky
Mit allen Wassern gewaschen

03.11.2018

Stürmischer Hafentag (den hatte ich bisher „verschwiegen“…)

Heute kein Segeln, da es bereits am Morgen mit sieben Windstärken über die Kieler Förde pfeift. Für Mittags sind dann flotte acht bis neun angesagt.
Erklärte Schönwettersegler wie ich bleiben da natürlich gerne in Hafen.

Passend zum Wetter fährt es in mir mal wieder Achterbahn:

Da ist zum einen die Faktenlage: Wenn z.B. ein Paar mein Schiff und mich für eine Woche chartert mit der Bitte, keine weiteren Gäste mitzunehmen, und für eine exklusive Woche mit Privatskipper und Koch dann 1.900€ zahlen, fehlen zum Durchschnittspreis, den es für einen nachhaltigen Betrieb bräuchte, 200€. Würden sie ein vergleichbares Schiff ohne Skipper chartern, hätten sie mindestens 1.300€ ausgegeben. So war ihnen meine Arbeit und meine Zeit an Bord also 600€ wert. Für sieben Tage je mindestens 12 Stunden. Ergibt einen Bruttostundenlohn von 7,14€. Nicht berücksichtigt sind dabei die anteiligen Zeiten, die das Schiff vor und nach der Saison an Arbeit ja auch noch braucht.

Gleichzeitig sind 1.900€ für Schiff und Skipper zzgl. der Bordkasse von ca. 330€, also 2.230€ für zwei Personen, viel Geld für eine Woche Urlaub. Macht 318€ am Tag. Yeah! Segeln ist teuer!

Und nun wird`s spannend. Denn hier kommen meine subjektiven Gefühle und Urteile ins Spiel. Zufällig weiß ich, dass die beiden keine Kinder haben. Das Beide eher gut verdienen. Dies nicht ihre erste – und auch nicht die Letzte Woche in diesem Jahr auf einem Boot sein wird. Ihnen die Woche sehr gut gefallen hat. Trotzdem entscheiden sie, dass jemand sie anteilig zu dieser Reise einladen sollte. Und vermutlich wird in diesem Jahr dieser „Jemand“ wieder ich sein.

Ja, wenn ich es so betrachte, bin ich wütend! Habe ich das nötig für 7€ die Stunde für Menschen zu arbeiten, die selber ein Vielfaches davon verdienen? Würden sie selber für diesen Lohn arbeiten gehen? Beides ist mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem klaren Nein zu beantworten.

Nun mag jemand diesem Frust entgegnen: „Ben, was stellst du dich so an? Klar wirst du gelegentlich draufzahlen. Warum beschwerst du dich darüber? Die meisten Menschen sind noch nicht reif für die Freiheit und die Verantwortung, auch deine Seite des Deals mitzudenken!“

Dem mag ich entgegnen: Wir machen ja hier ein Experiment. Ich „beschwere“ mich nicht, sondern beobachte meine Reaktionen auf die Reaktionen der Menschen zu meinem Versuchsaufbau. Darum gehören auch meine Reaktionen unmittelbar zum Experiment. Sonst wäre das Ganze ja witzlos.

Meist sind mir diese Reaktionen bei mir eher unangenehm und peinlich. Meist behalte ich sie darum für mich. Und ja, meine Frau hat natürlich Recht wenn sie sagt, dass genau diese Reaktionen unbedingt dazu gehören. Dass auch meine Mitsegler ein Recht darauf haben zu erfahren, was ihre Teilnahme und ihr Beitrag bei mir auslöst. Dass das Experiment erst wirklich vollständig ist, wenn es am Ende auch für die Mitsegler ein Feedback von mir gibt: „Schau her, so ist es mir mit deiner Wahl ergangen. Es ist auf einer Ebene vollkommen Ok, wie du dich entschieden hast, denn ich habe dir die Freiheit geschenkt. Und trotzdem gibt es bei mir Reaktionen auf deine Wahl und um diese darfst du auch wissen. Nicht damit du deine Wahl änderst, sondern einfach um der Vollständigkeit halber.“

Wenn ich das so schreibe, merke ich wie sehr ich genau davor Angst habe. Ja, ich schäme mich für meinen Frust und meinen Groll. Ich schäme mich für meine Urteile die ich fälle, ohne wirklich die ganze Lebenssituation der Menschen zu kennen. Ich schäme mich für meine Erwartungen und weil ich gerne schon weiter wäre. Weil ich davon träume, dass es mir wirklich egal ist, was die anderen Menschen tun und reden. Ich schäme mich, weil meine Gefühle mir so deutlich zeigen, wie sehr ich selbst noch in dieses ganze Geldthema verstrickt bin.

2 Kommentare

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Moin Ben!
Kann sich wirklich jemand endgültig vom Geldthema befreien?

Anders ausgedrückt will ich kurz mal „Scham und Frust“ von der anderen Seite her beleuchten.

Ich bin überaus begeistert von Deinem Experiment, doch andererseits würde ich persönlich ebenfalls Scham empfinden, wenn ich bei Dir an Bord gehen würde.

Warum? Weil ich finanziell nicht das leisten könnte, was Du laut Deiner Rechnung für einen tragfähigen Betrieb brauchen würdest. Und ich mich deswegen unfair und vor allem ausbeuterisch fühlen würde.

Ich weiß selbst sehr gut, was es heißt knapp rechnen zu müssen, habe ich doch aus Gewissensgründen meinen Job in der Automobilforschung gekündigt und bin immer noch auf der Suche nach einer nachhaltigen, für die Welt sinnvollen Tätigkeit.
Im Klartext also vorübergehend Arbeitslos und vermutlich nie wieder so gut wie in der Vergangenheit verdienend.

Was also soll so jemand wie ich mit Segelleidenschaft tun? Jetzt gerade könnte ich noch 600€ vom Sparkonto bezahlen, in ein Paar Monaten aber vermutlich wesentlich weniger.

Und dann würde es mein Gewissen nicht zulassen. Ich würde mich schämen Dich auszunutzen und würde nur an Bord gehen, wenn ich wüsste, dass andere an Bord im Rahmen ihrer Möglichkeiten mehr zahlen würden.

Oder aber wenn ich festgelegte Tätigkeiten an Bord übernehmen könnte, die Dich als Skipper entlasten würden. Wache gehen, Deck schrubben, Segeltrimm, Navigation, was auch immer Dich tatsächlich entlasten würde. Und einen Ausgleich für die „Unterbezahlung“ darstellen könnte.

Und ich denke, diese Gedanken hat nur jemand, der selber um den Wert der Arbeit weiß und selbst mit wenig auskommen muss.

Und andererseits finde ich es sehr, sehr traurig, dass man „mangelhafte“ finanzielle Leistungsfähigkeit als beschämend empfindet!!
Wie abhängig die heutige Gesellschaft und die eigene Existenz doch von diesen Normen ist.
Und wie sehr man das alles verinnerlicht hat. Scham in Abhängigkeit vom Einkommen. Traurig.

Die große Frage ist wie man diesen Teufelskreis durchbrechen kann. Ich habe für mich selbst bisher leider keine Antwort darauf finden können…

Liebe Grüße,
Mike Zerbe